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Donnerstag, 20. Juni 2019

Warum?





Ich würde dir gerne sagen, wie sehr ich dich liebe und wie unendlich wichtig du für mich bist. Aber ich kann die Worte nicht sagen, denn sofort fange ich an zu weinen. Ich will nicht, dass du meine Angst siehst, meine Traurigkeit bemerkst. Stark möchte ich für dich sein und dir Mut geben. Keiner von uns darf jetzt aufgeben. Wie ein seidener Faden hängt die Hoffnung in der Luft, droht, durch den leisesten Windstoß wieder zerstört zu werden. Wie länge hält der Faden? Wann wird ihn die Realität durchtrennen? Wann wird die Realität uns zerreißen?

Ich kann nicht an gestern denken. An die Zeit, wo alles gut war. Als die Welt noch in Ordnung und die Zukunft eine Zeit war, auf die ich mich gefreut habe.
Ich kann auch nicht an morgen denken. Der Gedanke, du könntest nicht Teil meiner Zukunft sein, bricht mir das Herz. Es ist eine Version einer möglichen Zukunft, die nie in meinem Kopf existiert hat und nun doch so schmerzhaft real erscheint. Wir hatten noch so viel vor. Ein Buch wollten wir schreiben. Immer wieder verschoben für unwichtige Dinge.
Schon jetzt vermisse ich dich so sehr, obwohl du doch da bist. Und wenn ich dich auf dem Sofa liegen sehe, dann kann ich gar nicht glauben, wie krank du bist.

Warum?, frage ich mich, obwohl mir der Sinnlosigkeit dieser Frage bewusst ist. Warum gerade du? Warum so schlimm? Warum können die Menschen auf den Mond fliegen, aber diese Krankheit noch immer nicht heilen? Warum möchte mir Gott den Menschen nehmen, der für mich alles bedeutet?

Wie so viele Menschen in Not fange auch ich wieder an zu beten. Zu Gott, Buddah oder Allah- egal wer, aber einer der Allmächtigen muss doch helfen können. Aber möchte ich wirklich an einen Gott glauben, der so eine Krankheit zulässt...?

Noch ist er da, der seidene Faden. Und wenn er weg ist, suche ich einen neuen. Du warst mein ganzes Leben für mich da. Hast mich begleitet durch die Höhen und Tiefen meines Lebens. Ohne dich wäre ich nicht die, die ich bin und ohne dich möchte ich nicht sein. Jetzt bin ich für dich da, Mama.

Dienstag, 3. Januar 2017

Neues Jahr, neuer Bestseller?



Ein neues Jahr ist wie ein leeres Blatt Papier, das nur darauf wartet, beschrieben zu werden. Es bietet noch alle Möglichkeiten und wir als Autoren haben die Hoffnung, eine gute Geschichte zu schreiben. Doch der Anfang ist immer am schwierigsten, sodass ich jedes Jahr aufs Neue Anfang Januar lethargisch vor dem leeren Blatt sitze und gar nicht weiß, wie ich beginnen soll. Am Ende der Seite schreibe ich fett Happy End, aber was kommt davor? Was soll geschehen oder besser gesagt, wie kann ich meine Wünsche, Ziele und Chancen erkennen, erfüllen und nutzen?
Bevor ich den Stift zur Hand nehme, habe ich Angst, einen Tintenfleck zu hinterlassen, unsauber zu schreiben oder Fehler zu begehen. Ich bemühe mich um Schönschrift, gute Worte und eine erfüllende Geschichte, damit ich am Ende sagen kann das war ein gutes Jahr.

Dann denke ich mir, ich sollte aus der Bewegungslosigkeit der Weihnachtstage aufwachen, die Angst einfach abschütteln wie die letzten Konfettischnipsel der Silvesterfeier und mit meinem Werk beginnen. Um zu wissen, was ich will, muss ich nach vorne schauen, mich bewegen und ausprobieren Vielleicht schreibe ich eine romantische Komödie, lache viel und liebe. 2017 könnte auch ein Krimi mit spannenden Höhepunkten oder ein Fantasyroman mit erstaunlichen Begegnungen werden. Hauptsache, es wird keine Horrorgeschichte.
Jeder Tintenfleck auf dem Papier ist authentisch und Fehler können doch meist korrigiert oder galant überspielt werden, als seien sie nie geschehen. Ohne Taten wird das Blatt in einem Jahr weiß bleiben, aber wenn ich mich bewege und auf den Weg mache, wird 2017 vielleicht ein Bestseller.

Samstag, 1. Oktober 2016

Herbstmelancholie


Es ist soweit: die letzten Ausläufer des Sommers werden immer schwächer und der Herbst zeigt dafür umso deutlicher sein Gesicht. Ein kräftiger Wind wehte mir heute Nachmittag bei einem Spaziergang durch den Wald um die Ohren, pustete meinen Kopf frei und das Laub von den Bäumen. Sanft rieselten Eichen- und Kastanienblätter auf die Erde und bedeckten den Boden mit einer dichten, raschelnden Schicht, durch die ich freudig strahlend hindurchwatete.

Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit und das liegt nicht etwa daran, dass ich selbst ein Kind des Herbstes bin. Es ist vielmehr die wunderschöne Melancholie, die der Herbst jedes Jahr aufs Neue verbreitet. Die Tage werden kürzer und dunkler und wir kehren in uns, um über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken. Die Zeit zwischen Sommer und Winter, in der das Grün vergeht und das Leben nur scheinbar aus allen Pflanzen weicht, erinnert mich alljährlich an eines der Leitmotive der Barockepoche, vanitas. Die Nichtigkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens wurden besonders in der Literatur des 17. Jahrhunderts thematisiert, doch eben jenes können wir Jahr für Jahr auch in der Zeit des Herbstes lesen.

Nachdenklichkeit und Melancholie hüllen uns jetzt ein und machen uns bewusst, welchen Wert das Leben hat und welche Schönheit es in sich trägt. Wenn die Sonne im Oktober untergeht und ihr warmes Licht über das bunte Herbstlaub ergießt, wird jeder diese Schönheit erkennen können, die eigentlich viel zu kitschig ist, um real zu sein. Die Natur beschenkt uns in diesen Monaten mit leckeren Äpfeln, Kürbissen und Getreide, was für uns selbstverständlich geworden ist, aber früher mit Festen gewürdigt wurde. Es ist eine Zeit der Dankbarkeit gegenüber dem Leben und der Natur, der wir begegnen und die wir genießen sollten.

Nach meiner heutigen Begegnung mit der Natur schlüpfte ich in meine Kuschelsocken, trank eine Tasse heißen Kakaos und zog mich mit einem guten Buch zurück in mein warmes Bett, während ich zufrieden dem Prasseln des Regens an der Fensterscheibe lauschte und dankbar war, im Trockenen zu sitzen.


Samstag, 13. August 2016

Vom Suchen und Finden der Wahrheit


Am Stamme einer toten Birke sitzend, steht sie auf einmal vor mir. Nackt.

«Wer bist du?», frage ich verwirrt.
«Die Wahrheit», antwortet sie. Einfach so. Als hätte ich gerade meine Nachbarin nach der Uhrzeit gefragt.
«Die Wahrheit? Aber... aber ich habe doch gar nicht nach dir gesucht!», stottere ich.
«Das musst du auch nicht, denn ich bin immer da», erklärt sie mit ruhiger, bestimmter Stimme und sieht mich mitfühlend an.

Ich mustere sie nachdenklich, versuche zu erkennen, wie sie aussieht, doch es gelingt mir nicht. In einem Augenblick strahlt sie eine solche Schönheit aus, die mein Bewusstsein überfordert, während ich im nächsten Moment in eine grässliche Fratze schaue und meinen Blick erschreckt abwende.

«Wieso habe ich dich noch nie zuvor gesehen?», frage ich sie blinzelnd.
«Weil du deine Augen vor mir verschlossen hast.»
«Und was passiert jetzt?»
«Das entscheidest du.»

Ich kneife die Augen zusammen und erwarte beim Öffnen, dass sie verschwunden ist. Aber nein, die Wahrheit steht noch vor mir. Zwar verschwimmt ihr Äußeres immer wieder vor meinen Augen, jedoch sehe ich ihr Inneres ganz klar. So klar wie den Meeresboden am Strand vor der griechischen Küste, schießt es mir durch den Kopf. Vorsichtig stehe ich auf und gehe ein paar Schritte den kleinen Pfad entlang als ich bemerke, dass die Wahrheit stets vor mir schwebt. 

«Bleibst du jetzt für immer bei mir?»
«Solange du mich erträgst», sagt sie da und lächelt traurig.

Freitag, 17. Juni 2016

Wieso steht die Zeit nicht still?

Manchmal schleichst du nur so vor dich hin, ziehst dich zäh wie ein Kaugummi in die Länge. Zwingst mich dazu, gelassen zu bleiben und mich in Geduld zu üben.
An anderen Tagen rennst du einfach davon. Lässt mir keine Gelegenheit, durchzuatmen. Obwohl noch so viele Aufgaben auf ihre Erledigung warten, fällst du mir in den Rücken und lachst mich aus, wie ich hektisch in Panik verfalle.

All das, liebe Zeit, verzeihe ich dir, denn ich wachse an den Herausforderungen, die du mir stellst. Was ich dir jedoch nicht verzeihe, sind die Momente des Glücks, die du uns raubst. Diese fantastischen Augenblicke, in denen alles perfekt scheint, die Sorgen der Vergangenheit und die Ängste der Zukunft vergessen sind und wir einfach leben.
Wenn wir mit unseren Lieblingsmenschen beisammen sind und lachen. Wenn wir mit ihnen im Winter verschwitzt von einer Schneeballschlacht zusammen heißen Kakao trinken und im Sommer draußen am Lagerfeuer liegen, um in die Sterne zu schauen. Wenn wir bei einem Glas schlechten Weins über Sinn und Unsinn unseres Daseins philosophieren und nachts von einer besseren Welt träumen. Wenn wir am Deich sitzen und dem Rauschen der Wellen lauschen und in den Bergen auf das Echo unserer Rufe warten. Wenn wir unter Kirschblüten Nudelsalat essen, den Nachmittag im Rapsfeld verbringen und nach einer Party in Unterwäsche im Pool baden.

Für manch einen vielleicht nicht nachvollziehbar, sind diese scheinbar alltäglichen Augenblicke des Lebens die größten des Glücks. Sie bleiben immer in unserem Herzen und die Erinnerung daran lässt an dunklen Regentagen die Sonne für uns scheinen. Es sind die Momente, in denen ich dich, unbarmherzige Zeit, gerne zwingen würde, stillzustehen. Stattdessen rast du an mir vorbei und transformierst innerhalb eines Wimpernschlages die Erlebnisse in Erinnerungen. Nur ein Atemzug weiter und sie liegen bereits Jahre zurück in der Vergangenheit. Schließe ich die Augen, sehe ich die Bilder so klar und bunt vor mir, als sei das Picknick im Rapsfeld erst gestern gewesen und nicht vor einundzwanzig Jahren.

Doch, liebe Zeit, du bist klüger als ich. Denn würdest du auf meinen Wunsch eingehen und die schönsten Zeiten in die Unendlichkeit strecken, dann wüsste ich sie nicht zu schätzen. Sie wären nichts Besonderes mehr. Keine im Herzen verwahrten Erinnerungen, die mir Kraft im Alltag gäben. Daher möchte ich dir danken für die Glücksmomente im Leben, die erst durch dich so wertvoll werden.



Sonntag, 29. Mai 2016

Warten auf Irgendwann


Wann ist eigentlich irgendwann? Dieses Irgendwann, wohin all die schönen Gedanken verschoben werden: Die Reise nach Südamerika, das Schreiben eines Romans, das Finden der großen Liebe, die Eröffnung eines Cafés, der Umzug in ein neues Heim oder einfach das Treffen mit Freunden auf ein Glas Wein.

Es muss eine wunderbare Zeit sein  irgendwann. Wenn wir all das erleben, wozu wir uns heute keine Zeit nehmen, denn wir haben ja Wichtigeres zu tun. Wir müssen arbeiten und fleißig sein, Geld verdienen, damit wir uns irgendwann einmal all das leisten können, wovon wir heute träumen: Die Weltreise, das romantische Café, die Altbauvilla am See. Wir vergeuden die freie Zeit, die wir haben, stattdessen vor dem Bildschirm. Schauen uns an, was andere gerade erleben und nehmen uns vor, es selbst irgendwann einmal zu erfahren. Dann lehnen wir uns zurück, legen die Füße auf den Tisch und sind zufrieden damit, Pläne geschmiedet zu haben, die wir irgendwann verwirklichen wollen. Wir sind ja noch jung, das Leben ist lang.

Doch vielleicht kommt Irgendwann zu spät. Die richtigen Momente verpasst, in denen unsere Wünsche noch Sinn ergaben. Die Villa am See scheint allein plötzlich viel zu groß, die Eröffnung eines Cafés zu risikoreich und für die Liebe sind wir irgendwann zu verbittert. Das Gläschen Wein wartet noch immer darauf, getrunken zu werden, doch nach und nach verschwinden die Menschen aus unserem Leben, mit denen wir es genießen wollten.

Bequemlichkeit und Angst haben unser Leben ins Nichts befördert, ins ziellose Irgendwann. Und irgendwann wird alles leer sein. Eine Leere gefüllt mit verblassten Träumen, deren Zeit abgelaufen ist. Das Leben ist lang, aber endlich deshalb nimm es in die Hand und lebe jetzt und nicht irgendwann.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Lasst uns sein, wer wir sind

Als Kind habe ich es geliebt, mich zu verstecken. Aus großen Bettlaken, Wolldecken und Kartons habe ich Höhlen gebaut in der Annahme, dass mich darunter niemand finden könne. Dort fühlte ich mich sicher und geborgen und habe die Ruhe genossen. Auch in der Grundschule haben wir in den großen Pausen nahezu jeden Tag verstecken gespielt, wenn uns nicht gerade allesamt das Lavamonster angriff und wir auf kleine Holzpalisaden flüchten mussten. Meine Freunde und ich verbrachten auf diese Weise sehr viel kostbare Pausenzeit damit, regungslos in der Buchenhecke auszuharren und möglichst keinen Mucks von uns zu geben. Es war der pure Adrenalinkick, wenn der Sucher dann nur wenige Meter an einem vorbeischlich. Schnell schlug das Herz, der Atem stand still und mit einem lauten »gefunden!« musste man schließlich doch zähneknirschend sein Versteck verlassen.

Die Freude am Verstecken bleibt auch im weiteren Leben bestehen. Jeder von uns versteckt sich - mal mehr und mal weniger. Stichwort: Soziale Identität. Je nachdem in welchem sozialen Umfeld wir uns befinden, verändern wir uns. Wir bedienen uns verschiedener Soziolekte, um unsere Sprache dem Gegenüber anzupassen, wir kopieren (oftmals unbewusst) Gestik und Mimik unserer Gesprächspartner/innen und auch unser Kleidungsstil ändert sich der Situation entsprechend. In nahezu jedem ratgebenden Handbuch zu Gesprächsführung liest man sogar die eindeutige Aufforderung, sein Gegenüber nachzuahmen. Natürlich unauffällig, es soll schließlich niemand bemerken.
Wir passen uns an, gliedern uns ein und verstecken einen Teil unseres Selbst. Oftmals zeigen wir nur ein Bruchstück unserer Persönlichkeit aus Eigenschutz. Wer zu viel Preis gibt, macht sich angreifbar und verletzlich. Auch wenn Vielen die Vorstellung der Anpassung zuwider ist, so ist sie im Leben beinahe unumgänglich. Diese Art des Versteckens, die Angleichung, muss nicht bedeuten, dass wir uns selbst verleumden; sie hilft uns aber durch den Alltag und sorgt für ein harmonisches Miteinander.

Vielmehr noch als im realen sozialen Leben verstecken wir unsere Identität im Internet. Wir geben uns einen neuen Namen und kreieren ein alternatives Ich. Viele möchten dadurch lediglich ihre persönlichen Daten schützen, aber häufig wird diese andere Identität eben auch genutzt, um sich hinter ihr zu verstecken. Unser neues Ich traut sich Dinge zu sagen, für die wir vielleicht belächelt, ausgelacht oder angegriffen werden könnten. Wir verstecken uns selbst, um uns vor Lästereien, kritischen Worten oder sogar Drohungen zu schützen. Vielleicht mag diese Einstellung feige sein, doch ist der Wunsch, sich zu maskieren, verständlich. Insbesondere jenen, die sich Worte anderer zu Herzen und Kritik bisweilen persönlich nehmen, bietet eine zweite Identität Schutz und Sicherheit. Sie trauen sich zu sagen, was sie denken oder fühlen und laufen nicht Gefahr, sozial ausgegrenzt zu werden.

Dennoch muss diese Entwicklung unserer Gesellschaft kritisch betrachtet werden. Jeder Mensch sollte angstfrei denken, sagen und tun können, was er möchte, solange er damit keinem anderen Lebewesen Leid zufügt. Dafür muss unsere Gesellschaft allerdings erst einmal lernen, Gedanken, Meinungen und Taten anderer zu akzeptieren. Viele Menschen scheinen nach der Devise »Hauptsache dagegen« zu leben.  Bloß nicht zustimmen, lieber gegenargumentieren; besser das Gedachte, Gesagte oder Geschriebene einer anderen Person aus Prinzip schlecht reden und beleidigen, anstatt eine unbekannte, neue Perspektive wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Wer sich dann auch noch beim Rummotzen hinter einer anderen Identität versteckt, darf sich wirklich mit den Titel »Feigling« schmücken. Kritisches Hinterfragen ist gut und unbedingt empfehlenswert, aber Kritik sollte mit Bedacht und objektiv geäußert werden. Pöbelt der »Wutbürger77« unter dem Deckmantel seiner geheimen Identität gegen verfolgte Menschen, Veganer/innen, Fleischesser/innen oder Hundebesitzer/innen, dann scheint dieser Person im Leben eine zufriedenstellende Aufgabe zu fehlen. Jene Menschen, die durch solche Handlungen ihren eigenen Frust und ihre eigene Unzufriedenheit an ihren Mitmenschen auszulassen, sollten dringend einmal ihr Handeln hinterfragen.

Verstecken macht Spaß und es erleichtert das Leben ungemein, wenn man sich dann und wann eine andere Rolle überstülpen kann. Doch sollte dies nicht aus Angst vor Ausgrenzung heraus geschehen. Darüber hinaus sollte sich auch jeder einmal die Frage stellen, inwieweit ein solches Versteckspiel eigentlich noch gesund ist. Führt es nicht im Laufe der Zeit zu einem Identitätsverlust, wodurch wir uns selber fremd werden?
Lasst uns doch einfach öfter mal unsere Maske abnehmen, unser Versteck verlassen und sein, wer wir wirklich sind. Und lasst uns lernen, andere ohne Maskierung zu akzeptieren; versuchen, ihre Meinungen und Perspektiven nachzuvollziehen. So können wir den Umgang miteinander erleichtern und im Kleinen Frieden stiften.

Donnerstag, 21. April 2016

Sei, wer du bist...


Sei doch einfach mal du selbst
und befreie dich aus Konventionen,
die dir Tag für Tag den Atem rauben.
Denk, was du willst,
sag, was du denkst,
tu, was du sagst
und sieh die Welt mit anderen Augen.





Mittwoch, 30. März 2016

Gibt es wirklich einen Schatz unter dem Regenbogen?



Dort! Am Himmel, zuerst nur ganz blass, erstrahlt ein Regenbogen in leuchtenden Farben. Für die Christen ein Mahnmahl Gottes, in der germanischen Mythologie der Übergang zwischen Menschen- und Götterwelt, für die heutige Gesellschaft ein Symbol der Toleranz und des Friedens; für mich ein Aufruf zur Schatzsuche.
Am Ursprung des bunten Bogens - das weiß der kundige Irlandfreund - befindet sich der Goldschatz des Leprechauns. Herrlich, welch Glück mir winken würde, fände ich diesen und das möglichst schnell!

 Und so begebe ich mich also auf den Weg, den Schatz zu finden. Laufe viele Straßen, Wege und Pfade entlang, durchquere verschlafene Dörfer, lebendige Städte sowie unbekannte Länder und sehe unterwegs die eindrucksvollsten Begebenheiten. Ich staune, wie Blumen im Licht der Sonne erblühen, wie Berge aus dem Nichts heraus in den Himmel wachsen und wie aus einem runden, harten Ei ein flauschiges Küken schlüpft. Die Welt ist voller Wunder, aber ich muss weiter, denn das Koboldgold wartet auf mich.
Auf meiner Schatzsuche begegne ich vielen interessanten und wunderbaren Menschen. Sie begleiten mich auf meiner Reise, doch nur wenige bleiben die ganze Zeit. Manche von ihnen treffe ich auf einem anderen Wegabschnitt noch einmal wieder. Dann reden wir über gestern, rätseln über morgen und feiern unser Wiedersehen heute. Nur eine Handvoll Menschen trage ich während meines Abenteuers im Herzen und ein paar andere im Rucksack, ganz nah bei mir. So viele weitere liebe Menschen hoffe ich, irgendwann einmal wiederzutreffen. Dann und wann denke ich an sie und frage mich, wie es ihnen auf ihrer eigenen Schatzsuche ergangen sein mag.Wer weiß, ob wir uns überhaupt wieder erkennen würden oder ob wir uns wie fremde Wandersleut' einfach bloß zunicken und »Grüß‘ Gott!« murmeln würden.
Die Reise zum Ursprung des Regenbogens ist zuweilen beschwerlich und von Zeit zu Zeit doch federleicht. Gekonnt hüpfe ich über so mancherlei Stein, der mir den Weg zu versperren droht. Das Ziel vor Augen trägt mich mein Wille immer weiter. Helle Nächte und dunkle Tage durchwandere ich; ab und zu führt der Weg mit leichtem Gefälle geradeaus und streckenweise führt er mich steil und kurvig einen Berg hinauf. Nicht mehr weit muss ich laufen, dann finde ich den Schatz, mein Glück. Es wartet schon auf mich, das spüre ich.

 Als ich das Ende des Regenbogens endlich erreiche, bin ich völlig erschöpft. Zeit, Mühe und Nerven kostete mich diese Reise und erstaunt bemerke ich, dass der Schatz gar nicht aus dem Gold des Kobolds besteht, sondern mich bereits die ganze Zeit begleitet hat. In meinem Herzen.

Donnerstag, 24. März 2016

Als Dorfkind in der Großstadt

Wenn man als Dorfkind flügge wird, das Nest der trauten Heimat verlässt und plötzlich in einer Großstadt landet, dann verändert sich alles. Die Umgebung, der Blick auf die Welt und man selbst. Auch ich sprang vor einigen Jahren ins kalte Wasser und tauchte ein in ein Meer von Möglichkeiten. Gewöhnt an lange Fußmärsche oder Fahrradtouren, weil der Bus höchstens einmal in der Stunde und nicht später als 19:27 Uhr das Dorf verlässt, findet man sich plötzlich in der wunderbaren Situation wieder, nicht mehr als 10 Minuten auf ein öffentliches Verkehrsmittel zu warten. Muss man sich doch einmal länger gedulden, so kann man um sich herum, gleich einem Wimmelbild, allerhand entdecken und beobachten:
Stadtmenschen sind eine Klasse für sich. Sie tragen stets einen Coffee-to-Becher in der einen, ihr Smartphone in der anderen Hand. Sie wickeln sich in deckengroße Schals und tragen hippe Hüte auf ihren Köpfen. Die Haare bunt gefärbt, rasiert oder kunstvoll zu einer gerade-aufgestanden-Frisur verstrubbelt. Ihr Blick ist cool, so als merkten sie nicht, dass ich sie anstarre wie ein Kunstobjekt. Mit dicken Kopfhörern auf den Ohren und mit überdimensionalen Mänteln bekleidet rauschen sie an mir vorbei, während ich alle paar Meter stehen bleibe, um die Faszination Stadt für mich zu begreifen.

 Häuser ragen weit in den Himmel hinein. An ihren Fassaden prangen bunte Graffitis, tragen einen Teil zum Stadtdiskurs bei. Botschaft an die Gesellschaft, politische Rebellion oder einfach nur der Wunsch, etwas Verbotenes zu tun? Ich frage mich, was die Intention des Sprayers war, der einen Kackhaufen, aus dem eine rote Blume zu wachsen scheint, an die Seitenmauer eines gelb gestrichenen Gebäudes gesprüht hat.
An jeder Ecke gibt es kleine Kneipen oder Cafés und am Abend habe ich die Wahl zwischen Irish Folk, elektronischer Tanzmusik, einer Aufführung von Goethes Faust und einem französischen Kunstfilm aus den 1960er Jahren. Ich entscheide mich schließlich für einen Cocktailabend mit Freunden in einer spanischen Bar, die bereits zahlreiche Preise für ihre außergwöhnlichen Getränkemischungen gewonnen hat. Während ich mich auf dem Rückweg frage, ob es für das Wort „Cocktail“ eigentlich ein deutsches Wort á la „Getränkemischung“ gibt, fällt mir auf, wie viele Menschen nachts unterwegs sind und freue mich über die Lebendigkeit des Stadtlebens. Selten sitze ich allein im Bus, selbst nachts um drei Uhr nicht. Mit einer Mischung aus Ängstlichkeit und Neugier werfe ich den Mitfahrenden Blicke zu, überlege im Geiste, welche Lebensgeschichten diese Personen in sich tragen. Einige wirken, als würde sie nur noch die Chemie der Drogen am Leben halten, die sie zuvor zerstört hat.

 Doch der Zauber der Großstadt verblasst mit der Zeit. Der Reiz der unendlichen Möglichkeiten ist verloren, ich bleibe zuhause und fühle mich nicht nur in meiner kleinen Wohnung wie in einem Meerschweinchenkäfig. Die Stadt ist eng und anonym. Selbst nach Jahren der Nachbarschaft, kenne ich die Namen der anderen Mieter in meinem Haus nur von den Briefkastenschildern und würde die dazugehörigen Personen nicht einmal erkennen, wenn ich ihnen unterwegs begegnete. Die Stadt quillt über vor Menschen und doch fühle ich mich wie ihr einziger Bewohner. Vorbei ist die  Zeit, in der mich die Leute durch ihre Extravaganz beeindruckt haben. In ihrem zwanghaften Streben nach Individualität laufen sie uniformiert durch ihr Viertel. Ihr Anblick langweilt mich. Lediglich die knalligen Farben ihrer Turnschuhe, die sie zu viel zu kurzen und engen High-Waist-Bluejeans tragen, unterscheiden sich. Turnbeutel, dicke Fensterglasbrillen und Loophaargummis, bei denen ich immer an die Telefonkabel früher Festnetztelefone denken muss -  überall sehe ich die gleichen, angepassten Menschen. Sie gucken nicht cool, sondern genervt, wenn der Bus mit dem sie ins Fitnessstudio fahren, fünf Minuten zu spät kommt. Nebeneinander stehen sie da, starren auf ihre Handys und haben verlernt, ihre Umgebung wahrzunehmen. Ich vermisse die Zeit, wo ich beim Warten auf den Bus in meinem Heimatort meinem Schwarm heimliche Blicke zuwarf, scheu lächelte und schnell zur anderen Seite schaute, sobald er es bemerkte. Hier in der Stadt werden keine Blicke ausgetauscht und gelächelt wird nur noch für die Handykamera und das neue Selfie für Instagram. Mir fehlen die Menschen mit ihren dicken Gummistiefeln und grünen Allwetterjacken, die einem zunicken, wenn man sich zu ihnen in das Buswartehäuschen stellt. Meine Dorfbewohner mit ihrer liebenswerten mürrischen Art lächeln zwar ebenso selten, aber wenn, dann kommt es von Herzen.

 Nachts laufe ich durch die Straßen und blicke in den hellschwarzen Himmel. Mir fehlen die vielen Sterne und der verlorene Blick in die Unendlichkeit des Universums. Die Stadt pulsiert wie unter einer Glocke. Nicht weiter als bis zum nächsten Häuserblock reicht der Blick. Ich vermisse es, über die Wiesen und Felder zu schauen, vermisse den Geruch nach frischem Heu und geschnittenem Rasen. Auch die steife Briese fehlt mir hier, die mir im Garten um die Nase wehte und meine Haare durcheinanderwirbelte.
Stadtleben, du hast mich aufgefangen, als ich aus dem Nest gefallen bin, aber ich weiß schon jetzt, dass wir unsere Beziehung nicht ewig werden fortführen können. Noch kommen wir miteinander klar, trotzdem werde ich dich irgendwann verlassen. Ich weiß, es ist eine der meistgehassten Phrasen, aber ich meine sie ernst: Lass' uns danach doch einfach Freunde bleiben.

Zum richtigen Umgang mit der Realität



Ich öffnete die Augen und sah sie direkt vor mir: Die Realität. Ganz plötzlich stand sie da in ihrer beängstigenden Gestalt. Schaute mich von oben herab herausfordernd an, als wollte sie damit angeben, mich endlich eingeholt zu haben. Wie hatte sie mich eigentlich gefunden? Lange Zeit hatte ich mich vor ihr in Träume geflüchtet. Die Realität selbst hatte sich in eine Traumgestalt verwandelt. Als teuflisches Monster war sie in meinen Alpträumen erschienen. Stets war ich davongelaufen und hatte nie den Mut gefasst, mich ihr zu stellen. Doch nun war sie da, wahrhaftig und drohend zugleich. Ängstlich schaute ich mich nach einem neuerlichen Fluchtweg um, aber ein Entkommen schien unmöglich. Die Realität baute sich immer größer vor mir auf, hinter ihr konnte ich bloß verschwommen verschiedene Wege erblicken. Ich kniff die Augen zusammen, jedoch konnte ich auch dann nicht deutlich erkennen, wohin ihre Pfade führen würden. Einige verliefen geradeaus, andere wirkten verschlungen und weckten dadurch meine Neugier. Was mochte sich wohl hinter all den Kurven und Abzweigungen verbergen? Hinter mir hatte sich wie aus dem Nichts eine Mauer aufgebaut und schnitt mich von meiner Vergangenheit ab. Es gab kein zurück und weiter konnte ich nur, indem ich mich dem Kampf stellte, den ich so fürchtete und vor dem es mir seit Langem graute.

 Um mich herum erkannte ich die Schemen meiner Freunde und meiner Familie. Auch sie starrten mich mit diesem provokativen Blick an. »Los, kämpfe endlich«, schrien sie stumm. Ich wollte ihnen antworten, dass mir keiner je erklärt hatte, wie man die Realität bekämpft, aber als ich den Mund öffnete, kamen keine Worte heraus. Wie hatte es soweit kommen können? Innerhalb eines Augenblickes war die Seifenblase geplatzt, die mich bisher so gut vor der Realität behütet hatte. Stimmengewirr umgab mich. Meine Zuschauer am Rand riefen mir etwas zu, doch in dem Durcheinander ihrer vielen Stimmen, konnte ich nur Wortfetzen verstehen. »Arbeit«, »Steuer«, »Versicherung«, »Entscheidung«, »Gehalt«, »Vertrag«, »Beziehung«, »Liebe«, »Glück«, »Zeit« –  in mir stieg Ärger auf. Warum sagten sie mir nicht einfach, wie ich die Realität überwältigen konnte und welchen Weg ich danach einschlagen sollte. Ihre Andeutungen nervten mich, halfen sie mir ja doch nicht weiter. Ich versuchte, nach einer rettenden Hand zu greifen, aber sie lachten mich nur aus. Einer nach dem anderen kehrte mir den Rücken zu, überließ mich der unheimlichen Schreckgestalt vor mir. Hatten sie mich aufgegeben? Die Erfahrung war neu für mich, denn bisher hatte immer irgendjemand meine bittende Hand gefasst, mich sanft ein Stückchen auf dem Weg begleitet, wenn er zu steinig war, um ihn allein zu gehen. »Wir sind für dich da«, »du packst das schon, ich helfe dir«, waren das alles nur Worthülsen gewesen? Genauso leer und bedeutungslos wie die Texte gegenwärtiger Popmusiker, welche von einer Liebe singen, die es in diesem Leben gar nicht zu geben scheint?

 Eine Woge der Enttäuschung überflutete mich angesichts dieser Erkenntnis und drohte, mich zu ersticken. Die Welt um mich herum war nicht mehr farbenfroh und lustig. Grau und ernst schien sie geworden zu sein und noch immer stand ich allein vor meinem wahrgewordenen Albtraum. Schwarze Wolken zogen am Himmel auf und verdunkelten die wärmende Sonne. Mit zitternden Knien wagte ich einen Schritt nach vorne. Ich konnte der Realität nun beinahe in die Augen sehen. Mein Kopf fühlte sich leer an angesichts dieser riesigen Gestalt vor mir, die Gedanken wirbelten durcheinander wie die Flocken in einem Schneegestöber. Nur langsam kristallisierte sich ein Gedanke in dieser dunklen Wolke: Was bildete sich die Realität eigentlich ein, meine Träume zu ruinieren und mir Angst einzujagen! Dieses hässliche Geschöpf, die Ausgeburt meiner Angst war meine Bedenken doch gar nicht Wert. »Jetzt oder nie«, dachte ich und spuckte der Realität auf die Füße.